Nadja Klier über das Leben in der DDR
Das Kürzel „DDR“ sagt vielen Schülerinnen und Schüler meist wenig.
Weshalb sollte man sich mit dem kleinen deutschen Teilstaat auseinandersetzen, der gerade mal 40 Jahre im Osten Deutschlands ein politisches und gesellschaftliches Experiment versuchte, das letztlich in sich zusammenfiel? Relevanz für den Alltag von Jugendlichen im Jahr 2026 ist da eher nicht zu erwarten. Am Ende unserer Veranstaltung zum Thema stand aber dann vielen Schülerinnen und Schüler die Verwunderung über die bleibende Aktualität des Themas regelrecht ins Gesicht geschrieben.

Nadja Klier, die Referentin für beide Tage (18.-19. Mai 2026), konnte durch die Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung gewonnen werden. Und ihre energiegeladene und empathische Art konnte schnell die Zuhörer in den Bann ziehen.
Nadja Klier, geboren 1973 in Dresden wuchs als Tochter der bekannten DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier in Dresden und Ost-Berlin auf. Aufgrund des politischen Engagements ihrer Mutter geriet die Familie in den 1980er Jahren in die Fänge der DDR-Staatssicherheit. Sie wurde daher im Februar 1988 aus politischen Gründen aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland ausgebürgert. Diese einschneidende Erfahrung prägt sie bis heute. Als Zeitzeugin engagiert sie sich stark in der historisch-politischen Bildung für Jugendliche. Sie konzipierte unter anderem das multimediale Bildungsprojekt DDR-Box. Weltweit leitet sie Workshops zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte.
Begleitet von Herrn Philipp Lerch, dem Landesbeauftragten der Stiftung und Leiter des Politischen Bildungsforums Rheinland-Pfalz startete sie die erste Veranstaltung am Montag, den 18. Mai für die MSS 11 mit einem Film, in dem ihre Lebensgeschichte, aber vor allem auch die ihres Manns Ingo Hasselbach dokumentarisch aufgearbeitet. Er war drei Jahre in Stasi-Haft, nachdem er als 20-jähriger auf einer Feier „Die Mauer muss weg!“ gerufen hatte. In dem Film schildert er die Bedingungen der Haft und die Kontrolle durch die DDR-Behörden. Das „kleine Gefängnis“ der Stasi verortete er in dem „großen Gefängnis DDR“.
Diese DDR konnte Nadja Klier im folgenden Gespräch mit unseren Schülerinnen und Schülern gekonnt veranschaulichen. In den achtziger Jahren entwickelte sie sich zur Systemkritikerin trotz jahrelanger Indoktrination in Kindergarten und Schule. Schüler übernahmen Ämter in den Schulklassen wie Wandzeitungsredakteur oder Agitator und übten sich im Werfen von Handgranaten. Unter anderem in westlicher Popmusik (Madonna) erblickte sie eine andere, freiere Welt.
Der Fall „Romeo“ wirft ein scharfes Licht auf die Arbeit der Stasi. Frau Klier konnte den Stasi-Akten über sie, die auch Fotos ihres Kinderzimmers enthielten, entnehmen, dass die Stasi einen IM für sie gesucht und auf sie angesetzt hatte. Ein IM, ein „Inoffizieller Mitarbeiter“ war die Stasi-Bezeichnung für Personen, die zwar nicht formal für die Behörde arbeiteten, aber die dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verdeckt Informationen lieferten oder versuchten, Ereignisse oder Personen zu steuern. Zuweilen spitzelten Ehepartner, Familienmitglieder oder Freunde einander aus und gaben ihre Informationen an das MfS weiter. Über Nadja sollten so Informationen über ihre Eltern gewonnen werden. Leider enthält ihre Akte keine Informationen über den IM.

Die beiden Workshops mit den Klassen 9 am folgenden Tag waren ähnlich aufgebaut. Nach dem einleitenden Film suchte Nadja Klier das Gespräch. Auch hier war deutlich erkennbar, wie die Informationen von Frau Klier die Schülerinnen und Schüler emotional berührten. Dies ist daher besonders hervorzuheben, weil das Thema DDR im Unterricht der Klassen 9 noch kein offizielles Lehrplanthema ist. Unsere Schülerinnen und Schüler hatten sehr viele Fragen, die das Leben in der DDR betrafen, aber auch die Übertragung und Aktualisierung auf die Gegenwart ansprachen. Hierbei wurde sehr deutlich, dass Demokratie keine gegebene Tatsache ist, sondern täglich im persönlichen Engagement erarbeitet und weitergeführt werden muss. Sind doch schon Tendenzen in der aktuellen Politik erkennbar, die eine Einschränkung der Freiheit, eine stärkere Überwachung oder Verletzungen der Menschenwürde fordern. Frau Klier setzte alles darin, unsere Schülerinnen und Schüler zur politischen Aktivität zu ermuntern und damit ein Land zu gestalten, dass die Verbrechen und das Unrecht, für die die DDR auch steht, Vergangenheit bleiben.
Text und Fotos: Rainer Feige