Mario Adorf: Ein Weltstar und seine Schule
Eigentlich ist der Name „Megina-Gymnasium“ ein sehr guter Name für unsere Schule. Wir tragen den Namen seit November 1988.
Das keltisch-lateinische Wort – übersetzt die „Siedlung auf dem Feld“ – steht für die antike Siedlung im Nettetal und hat in einer langen Lautgeschichte dann den Ortsnamen „Mayen“ ergeben.
Aber man könnte sich auch eine Alternative vorstellen: Das „Mario Adorf-Gymnasium“. Ich vermute, dass Mario Adorf sich über diese Namensänderung „seiner“ alten Schule sehr gefreut hätte. Blieb er doch der Schule und seiner Heimatstadt Mayen immer sehr verbunden.

Mario Adorf im Kreis seiner Mitschüler (Mitte, mit Buch, Quelle: Chronik zur 100-Jahr-Feier)
Zunächst war wohl die Wahl von Mayen als neuen Wohnort für den jungen Mario nur eine Notlösung. Geboren in Zürich zog seine Mutter in den dreißiger Jahren nach Mayen. Bis Kriegsbeginn war er als uneheliches Kind in einem Waisenhaus untergebracht. Der junge Mario kam dann am 28. Oktober 1941 in eine Schule, die seit 1933 Realgymnasium genannt wurde, von 1938 bis 1944 dann „Oberschule für Jungen“ – obwohl auch Schülerinnen unterrichtet wurden[1]. Seit 1928 leitete Herr Oberstudiendirektor Dr. Joseph Böhmer die Schule in der St.-Veit-Straße. Die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft prägte das Schulleben entscheidend. Einige Besonderheiten, die der junge Mario erleben musste, waren – neben der Zurückdrängung der Mädchen als „kommende Mütter“ – z.B. das fünfstündige Fach „Leibeserziehung“, die immer mächtiger auftretende Hitler-Jugend, das NS-Dogma „Jugend will von Jugend geführt werden!“ und der mehrmalige Umzug innerhalb der Stadt aufgrund der Erfordernisse der Wehrmacht. Wahrscheinlich trauerte auch Mario Adorf um einen im Krieg gefallenen Mitschüler. Insgesamt 98 Mayener Abiturienten kamen um, 11 blieben vermisst. 1944 wurde schließlich der Unterricht völlig eingestellt. Auch Adorf musste die verheerenden Bombenangriffe auf Mayen vom 12. Dezember 1944 und 2. Januar 1945 über sich ergehen lassen. In einem Interview erwähnte er, dass er in der Kriegszeit Hitler und Goebbels mit einigem Erfolg parodiert habe, zur Unterhaltung seiner Kameraden. Im Bunker konnte er die ängstlichen Mayener Bürger mit dem Gesang von Schlagern aus den dreißiger Jahren unterhalten. In der „Zeit“ vom 15. April 2026 wird eine Passage aus einem Buch von Adorf wiedergegeben[2]. Dort erinnert er sich, dass er sich im Sommer 1944 bei einem sogenannten Wehrertüchtigungslehrgang auf einer NS-Führerschule in Hermeskeil befand. Die Stimmung im Umfeld des Attentats auf Adolf Hitler am 20.7.1944 wurde von dem leitenden Offizier dazu genutzt, Freiwillige für den Fronteinsatz zu werben. Von 54 HJlern habe sich nur einer geweigert, sich freiwillig zu melden. Mario Adorf meldete sich dann freiwillig für die Marine. Am Ende des Lehrgangs vor die Alternative gestellt, entweder „Westwall zum Schippen oder Führerlehrgang in Jena“ meldete er sich für den Lehrgang. Die Einladung kam zuhause in Mayen nie an. Im weiteren schildert er, wie er durch Tiefflieger im Mayener Umland beinahe getroffen worden wäre und wie er zwei abgeschossene US-Piloten traf, die er von einem befreundeten Unteroffizier ins Lager nach Montabaur bringen ließ. 2024 konnte sich dann ein Enkel des einen Piloten telefonisch bei ihm bedanken, worüber sich Adorf sehr freute.
Als am 1. Oktober 1945 auf Weisung der französischen Besatzungsbehörden der Unterricht wieder begann, war unsere Schule baulich und personell im radikalem Umbruch. Der von den französischen Besatzungsbehörden eingesetzte Schulleiter Herr Dr. Peter Brodmühler (1945-1951) leitete zunächst kommissarisch, dann ab 1947 als Oberstudiendirektor bestätigt als Schulleiter das „Kreis-Realgymnasium Mayen“. Mit ihm wurden offiziell nur Lehrerinnen und Lehrer eingesetzt, die keine Parteimitglieder gewesen waren. So starteten 1945 453 Schülerinnen und Schüler, davon 159 Mädchen mit ihrem Schulbesuch in eine neue Zeit.[3] Wenn Ernst Nick, der Chronist der Nachkriegszeit schreibt, dass sich „auch bei den Schülern […] der Mangel an kräftiger Nahrung unangenehm fühlbar [machte]“, dann kann man sich vorstellen, unter welchen Bedingungen der junge Mario lebte. Aufgrund der fehlenden Heizung musste der Unterricht in den Wintern 1945/46 und 1946/47 ganz ausfallen. Adorf verlor in der ersten Nachkriegszeit vor jeder Art von Autorität den Respekt. Allerdings fand er Rückhalt bei guten Lehrerinnen und Lehrern, die die Jugendlichen begeistern konnten.
Die Mittlere Reife wurde ihm 1946 mit dem Zeugnis der Obertertia verliehen. Für die, die mit dem alten System nicht so vertraut sind: Der altertümlich anmutende Begriff „Obertertia“ steht für die heutige Klasse 10[4]. Neben den meist guten Fachleistungen in 12 Fächern attestiert das Zeugnis ihm geistige Aufgeschlossenheit („geistig rege“, geistig strebsam“). Dieses Zeugnis verwendet die alten deutschen Noten wie zum Beispiel gut oder „ggd“, also genügend. Interessant ist, dass das Schuljahr in Trimester aufgeteilt war, er also drei Zeugnisse erhielt. Das erste war vom 17. Dezember 1945 (!), das zweite vom 2. Mai 1946 und das dritte vom 10. Juli 1946, jeweils unterschrieben vom damals noch kommissarischen Schulleiter Herrn Dr. Brodmühler. Nebenbei fällt auf, dass trotz der widrigen Zeitumstände Mario Adorf weder entschuldigte noch unentschuldigte „versäumte Stunden“ hatte.
Mario Adorf erlebte dann auch die Umstrukturierung des städtischen „Realgymnasiums Mayen“ nach 1948 zum „Kreis-Realgymnasium“ und schließlich zum „Kreis-Realgymnasium Mayen“[5] in Trägerschaft des Kreises Mayen, der „Anstalt“, die ihm schließlich das „Zeugnis der Reife“ verlieh. Auch die feierliche Übergabe der Schule in die Trägerschaft des Kreises Mayen am 30. April 1949 wird er als Gast erlebt haben.
Zusammen mit Mario Adorf bestanden 1950 25 Schülerinnen und Schüler das „Zeugnis der Reife“, darunter neun Schülerinnen, von denen eine aus Cochem und eine aus Ulmen kam. Diese geringe Größe der Abiturientia blieb bis in die sechziger Jahre konstant, 1952 bestanden z.B. nur 13 Schüler und 5 Schülerinnen das Abitur. Der Anstieg der Schülerzahlen war dann erst ein Thema für die späten sechziger Jahre.[6] Sein „Zeugnis der Reife“ vom 4. Juli 1950 benutzt eine französisch beeinflusste zwanzig Punkte-Skala.[7] Das Zeugnis bescheinigt ihm, dass er insgesamt neun Jahre – seit dem 28.10.1941 - die „Anstalt“ und vom 1. September 1949 bis zu diesem Datum die „Oberprima“, die heutige MSS 13 besuchte. Zunächst ist die Liste der Unterrichtsfächer vergleichbar der heutigen Stundentafel. So hatte der Abiturient Mario Adorf in seinem letzten Schuljahr – und wohl auch die Jahre zuvor – neben dem verbindlichen, auf seinem Zeugnis jedoch nicht konfessionell gebundenen Religionsunterricht und den Hauptfächern Deutsch und Mathematik insgesamt drei Fremdsprachen, Lateinisch, Französisch und Englisch, das Fach, das in der Obertertia nicht unterrichtet wurde. Der Bereich Gemeinschaftskunde wurde mit den Fächern Geschichte und Erdkunde abgedeckt. Beide Fächer waren in besonderer Weise durch den nationalsozialistischen Lehrplan ideologisch umgekrempelt worden. Sozialkunde kam in Rheinland-Pfalz erst 1975 dazu. In Chemie ist, wie in seinem Obertertiazeugnis zu sehen, keine Note vergeben, vermutlich war das Fach ausgefallen wegen Lehrermangel, ähnlich wie Griechisch. Zwei naturwissenschaftliche Fächer wurden benotet: Physik und Biologie. Biologie musste sich nach 1945 erst von der Dominanz eines rassebiologischen Denkens befreien, was Lehrende wie Lernende wohl vor einige Herausforderungen stellte. Die beiden künstlerischen Fächer zählten zu Adorfs Lieblingsfächern: Musik und „Zeichnen und Kunstunterricht“. Das Fehlen einer Note in „Turnen“ (Obertertia) und „Leibesübungen“ (Zeugnis der Reife) muss wohl auch durch Lehrermangel erklärt werden. Das Zeugnis vermerkt auch die Möglichkeit der Teilnahme an „wahlfreiem Unterricht“ und einer „freiwilligen Arbeitsgemeinschaft“.
Seine Leistungen lagen insgesamt im guten Bereich mit Leistungsspitzen in Zeichnen, Musik und Französisch. Besiegelt wurde sein Zeugnis durch einen „Staatlichen Prüfungskommissar“ des „Ministeriums für Unterricht und Kultus“ der Landesregierung Rheinland-Pfalz. Für das „Realgymnasium“ unterzeichnete Oberstudiendirektor Dr. Brodmühler. Alle Fachlehrer (und Fachlehrerinnen, auch wenn sie als „Studienrat“ unterschrieben!) im „Prüfungsausschuss“ unterschrieben das Zeugnis. Eine Unterschrift wird Mario Adorf besonders gefallen haben: Die Unterschrift von Frau Holbeck, oder, wie er sie nannte „Fräulein Holbeck, das Püppchen“, seiner Lieblingslehrerin. Um ihr zum Geburtstag zu gratulieren, fuhr Adorf lange Zeit extra nach Mayen.
Nach dem Abitur zog Adorf in die weite Welt und er wurde zu einem Weltstar. Die Stationen seiner Karriere hier nachzuzeichnen ist müßig. Adorf war und ist einer der bekanntesten Schauspieler nicht nur in Deutschland und durch seine vielen Filme und Bücher in aller Munde. Trotz seines weltweiten Wirkens blickte er gerne zurück auf seine Kindheit und Jugend in Mayen, die sich vor allem wie bei den allermeisten Kindern und Jugendlichen in der Schule abspielt, bei ihm in unserer Schule, dem Megina-Gymnasium.
Mario Adorf betrachtete Mayen, unser Gymnasium und die Eifel immer als seine Heimat. Er ist am 8. April 2026 im Alter von 95 Jahren gestorben. Wir trauern um den vielleicht berühmtesten Schüler unserer Schule.
Text: Feige
[1] Im Folgenden beziehe ich mich auf die Arbeiten meines geschätzten ehemaligen Kollegen Herrn OStR Hermann Olbert, der in der „Chronik zur 100-Jahr-Feier des Megina-Gymnasiums Mayen, Mayen 2007“ eine „Chronik der Schule bis 1973“ veröffentlicht hat.
[2] Vgl. Mario Adorf, Der Kriegsfreiwillige, in: Die Zeit vom 15.4.2026 (17/2026) unter: https://www.zeit.de/2026/17/mario-adorf-krieg-wehrertuechtigung-20-juli-1944 (abgerufen am 27.4.2026)
[3] Zit. Nach Ernst Nick, Zur Geschichte der höheren Schule in Mayen, in: Paul Geiermann (Hg.), Festschrift zum 125. Gründungsjahr,80. Erbauungsjahr und 40. Abitur des Gymnasiums Mayen Pfingsten 1950, Mayen 1950, 17
[4] Die lateinischen Klassenbezeichnungen („Sexta, Quinta, Quarta…“) blieben unserer Schule erhalten bis zur Einführung der MSS in den siebziger Jahren.
[5] Der Name „Neusprachliches Kreisgymnasium Mayen“ wurde der Schule erst kurz vor Adorfs Abitur im Mai 1950 verliehen. Seit November 1958 hießen wir „Staatliches Neusprachliches Gymnasium Mayen“.
[6] Unsere Schule hatte z.B. 1971 bereits 1696 Schülerinnen und Schüler. Die nie mehr übertroffene Höchstzahl von 1842 Schülerinnen und Schüler wurde dann 1974 erreicht.
[7] „0-1:5 und weniger, 2-3: 5, 4-5: 4-5, 6-7: 4, 8-9: 3-4, 10-11: 3, 12-13: 2-3, 14-15: 2, 16-17: 1-2, 18-19: 1, 20: mit Auszeichnung“